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Humaner Fortschritt
Der linke Naumann
Wer regiert die Welt?
50 Jahre BMZ
Politik und Ethik |
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Selektives Wachstum und neuer Fortschritt (04.01.2011)
--- Neue Gesellschaft /
Frankfurter Hefte
I. Was wir heute wirtschaftliches Wachstum nennen,
war ursprünglich nur eine statistische Zahl. Man hatte
sich verständigt, wie die wirtschaftliche Gesamtleistung
eines Staates, das Sozialprodukt, errechnet werden
könne. Wenn diese Summe von einem Jahr zum anderen
anstieg, nannte man dies das Wachstum. Natürlich muss
sich eine solche Statistik an Größen halten, die exakt
zu dokumentieren sind, also an das, was am Markt den
Besitzer wechselt oder an Löhne und Gehälter, die der
Besteuerung unterliegen. Die Leistung einer Hausfrau,
die eine große Familie versorgt, geht nicht in die
Statistik ein, schließlich lässt sie sich auch nicht
genau beziffern.
Wachstum, so gesehen, ist eine
interessante statistische Zahl. Man darf sich auch
darüber freuen, vor allem als Finanzminister, der daraus
schließt, was er an Steuern einnehmen kann.
Wir
haben uns daran gewöhnt, dass sich Phasen stärkeren mit
Phasen schwächeren oder gar ausbleibenden Wachstums
abwechseln und reden dann von Aufschwung oder Abschwung.
Regierungen, wenn sie ehrlich sind, wissen, dass sie
beides nicht machen, sondern allenfalls etwas verstärken
oder mildern können.
Schwierig wird es erst, wenn
Wachstum zum politischen Ziel wird, oft zum wichtigsten
oder gar, wie bei Angela Merkel, zum einzig erkennbaren.
Dann kann dieses Ziel alles Mögliche und manches
Unmögliche rechtfertigen wie beim
„Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ der schwarz-gelben
Regierung.
Wo Wachstum zum übergeordneten,
allgemein anerkannten Ziel der Politik wird, entstehen
Abhängigkeiten. Denn das Wachstum „machen“ ja nicht die
Politiker, sondern die Unternehmen. Sie bei Laune zu
halten oder auch anzulocken, etwa durch niedrigere
Steuern, wird notwendiger Bestandteil einer
„Wachstumspolitik“. So kam es zum ruinösen Wettbewerb
der Staaten, auch der europäischen, um die niedrigsten
Unternehmenssteuern, der mehr zur Staatsverschuldung
beigetragen hat, als die meisten Ökonomen zugeben
wollen. Der Staat musste „sparen“, was praktisch hieß,
dass er Aufgaben vernachlässigen oder privatisieren
musste. Was dabei herauskommt, kann man heute in
deutschen Städten studieren.
II. Zu alledem
passte die These, dass das Wirtschaftswachstum umso
größer ist, je freier, entfesselter die Märkte sind und
je schwächer der Staat, je geringer die „Staatsquote“.
Genau dies verkündeten über drei Jahrzehnte die meisten
Ökonomen. So hatten die Marktradikalen in der Politik
leichtes Spiel.
Wo Wachstum zum allgemein
anerkannten Ziel aller Politik wird, ist die Rutschbahn
zum Marktradikalismus schon gebaut. Dort landen dann
auch Politiker, die eigentlich etwas ganz anderes wollen
oder doch wollen sollten. Wies ein sozialdemokratisch
geführtes Land geringere Wachstumsraten auf als andere,
so wurde die Regierung so lange des Nichtstuns oder gar
einer unverantwortlichen Blockadepolitik geziehen, bis
auch sie mit den „unausweichlichen Reformen“ die Märkte
entfesselte und die Staatsaufgaben, zumal die der
Sozialpolitik zusammenstrich, dafür die Steuern, zumal
für die „Leistungsträger“ – ein Wort, das zu diesem
Zweck eigens erfunden wurde – senkte.
Als in der
Finanzkrise renommierte Banken einander kein Geld mehr
leihen wollten, wenn nicht der Staat die Rückzahlung
garantierte, klangen die marktradikalen Parolen albern,
ja komisch. Als Verheißung hatten sie ausgedient. Aber
die Staaten kamen aus der Krise nicht stärker, sondern
schwächer heraus, höher verschuldet als jemals zuvor.
Und die Finanzmärkte behandelten die Staaten nicht
anders als private Schuldner. Je höher die Schulden,
desto höher der Zins. Staaten konnten sogar Pleite
gehen.
Jedenfalls hat gerade die Krise des
Marktradikalismus Sachzwänge geschaffen, für die nun
wieder marktradikale Rezepte angeboten werden können:
Der Staat muss „sparen“, nicht nur in Griechenland oder
Spanien. Er muss Aufgaben streichen, vielleicht auch die
Mehrwertsteuer erhöhen. Nur eines darf er nicht, nicht
einmal in Irland: die Steuern für Unternehmen erhöhen,
auch wenn sie lächerlich niedrig sind. Denn die könnten
das Wirtschaftswachstum mindern – so das Argument.
Solange Regierungen vor allem dazu da sind, das
Wirtschaftswachstum zu beschleunigen, zu steigern oder
wieder anzukurbeln, schafft sogar der scheiternde
Marktradikalismus Zwänge, die sein Überleben sichern.
Man kann es auch so ausdrücken: Wo Wachstum zum
entscheidenden Ziel aller Politik erhoben wird,
verzichtet diese auf ihren Primat. Wachstum als Ziel
führt zum Primat der Ökonomie über eine Politik, deren
Pflicht es ist, die wirtschaftlich Mächtigen bei Laune
zu halten.
III. Daher ist es weder zufällig noch
unerheblich, dass im Jahr 2010 eine Diskussion wieder
aufkam, die zwischen 1970 und 1975 in Wissenschaft und
Politik schon ziemlich weit gediehen war, dann aber von
der marktradikalen Welle – wie so vieles – weggeschwemmt
wurde: die kritische Diskussion zum Thema
Wirtschaftswachstum. Der Bundestag plant für 2011 eine
Enquete-Kommission zum Thema „Wachstum, Wohlstand,
Lebensqualität“. Sie wurde von SPD und Grünen beantragt,
aber auch die Unionsparteien dürften dabei mitarbeiten.
Schließlich hat Meinhard Miegel, der lange als
Mitarbeiter von Kurt Biedenkopf die politische
Diskussion bereichert hat – und jetzt über ein eigenes
Institut verfügt – sich mit einigen überraschenden
Thesen zu Wort gemeldet. Sie lassen sich so
zusammenfassen:
1.) Für die alten Industrieländer
Europas geht die Periode raschen Wachstums zu Ende.
2.) Auf den Konjunkturzyklus berechnet, fallen die
Wachstumsraten weiter.
Was noch an Wachstum
anfällt, wird gebraucht, um mit den schädlichen
Wirkungen des Wachstums fertig zu werden. Es verbessert
nicht mehr die Lebensqualität.
Was Miegel
formuliert, leuchtet ein und ist, wenn man die Statistik
der letzten Jahrzehnte ernst nimmt, nicht überraschend.
Politisch brisant ist seine dritte These, denn sie
entzieht jeder undifferenzierten Wachstumspolitik die
Grundlage. Eine Politik, die vor allem höhere
Wachstumsraten anpeilt, ist nicht nur vergebens – und
für den Staat teuer -, sondern letztlich für die
Menschen auch nutzlos.
Hier treffen sich Miegels
Einsichten mit der These des Bestsellers von Richard
Wilkinson und Kate Pickett „The Spirit Level“, der schon
im Untertitel präzisiert, was dann auf 274 Seiten mit
unzähligen Statistiken bewiesen wird: „Why euqality is
better for everyone.“ Nicht Wachstum, sondern weniger
Ungleichheit steigert die Lebensqualität.
Miegels
Analyse trifft sich mit den Bemühungen der
Sozialdemokratie, den politisch kaum mehr verwendbaren
Fortschrittsbegriff neu zu beleben, einen „neuen
Fortschritt“ zu beschreiben, zu fordern und politisch zu
realisieren. Dabei knüpft die Partei an eine wichtige
Stelle des Berliner Programms von 1989 an. Dort steht
unter der Überschrift „Fortschritt, Wachstum und
Struktur“: „Nicht jedes Wachstum ist Fortschritt.
Wachsen muss, was natürliche Lebensgrundlagen sichert,
Lebens- und Arbeitsqualität verbessert, Abhängigkeit
mindert und Selbstbestimmung fördert, Leben und
Gesundheit schützt, Frieden sichert, Lebens- und
Zukunftschancen für alle erhöht, Kreativität und
Eigeninitiative unterstützt. Schrumpfen oder
verschwinden muss, was die natürlichen Lebensgrundlagen
gefährdet, Lebensqualität mindert und Zukunftschancen
verbaut.“
Manche, die sich an dieser Diskussion
beteiligt haben, sahen in diesem Absatz die Forderung
nach „qualitativem Wachstum“, und mancher hat sogar den
Autor dieses Artikels zum Erfinder des Begriffs gemacht,
obwohl er ihn selbst nie benutzte. Schon damals, vor 35
Jahren, ging es nicht um eine schwer definierbare
Qualität, sondern um die Aufgabe der politischen
Auswahl, um selektives Wachstum.
Schon 1972 auf
der IG-Metall-Konferenz in Oberhausen war klar, was
Ronald Schettkat am 15.12.2010 so ausdrückte:
„BIP-Wachstum ist nicht gleich Fortschritt. Verzicht auf
BIP-Wachstum aber auch nicht.“
Anders gesagt: Es
hat keinen Sinn, Wachstumsraten von 3 oder 4 % zum
politischen Ziel zu erheben. Aber genauso abwegig ist
es, ein Nullwachstum anzustreben. Es kommt offenbar
nicht darauf an, wie viel wächst – oder nicht wächst,
sondern was wächst.
IV. Es gehört zu den
Schwächen der Politik, dass sie in der Theorie meist
viel weiter ist als in der Praxis. Was das Wachstum
angeht, ist es umgekehrt. Die Praxis ist viel weiter als
die Theorie. Zumindest in Deutschland gilt es als
Konsens, dass der Verbrauch fossiler Energien schrumpfen
muss, dass dafür rasch wachsen muss, was diesen
Verbrauch schrumpfen lässt, also die erneuerbaren
Energien. Die Zeiten, in denen die
Wirtschaftsministerien des Bundes und aller Länder das
Dogma verteidigten, dass der Stromverbrauch jährlich um
7 % wachsen, sich also alle zehn Jahre verdoppeln müsse,
weil dies dem Wirtschaftswachstum entspreche, sind
längst vorbei. Nur die Wachstumstheorie dieser Zeit hat
überlebt. Inzwischen diskutieren wir, ob,um des Klimas
willen, nicht auch der Fleischverbrauch schrumpfen
müsste, ob wir, um der Gesundheit willen, nicht mehr
Gemüse essen wollten. Politik beschäftigt sich mit der
Frage, wie der Güterverkehr auf der Schiene rascher
wachsen kann als der auf der Straße, und irgendwann
werden wir auch die Augen davor nicht mehr verschließen
können, dass sich der Ausstoß von Kohlendioxyd nicht
halbieren lässt, wenn der Luftverkehr sich verdoppelt.
Was Frank Walter Steinmeier vor der Bundestagswahl
2009 als ein Programm für Deutschland vorlegte, war eine
Politik selektiven Wachstums: Wachsen sollten die
„grünen Industrien“ und die Dienstleistungen am
Menschen, die sich nicht automatisieren lassen. Dort
sollten neue Arbeitsplätze entstehen. Steinmeier sagte,
was, gefördert durch Politik, wachsen sollte, während
seine Gegner einfach höhere Wachstumsraten versprachen,
gespeist von Steuersenkungen. Kurz: Wir sind längst
dabei zu selektieren. Wir praktizieren selektives
Wachstum.
Sicher, es wird immer eine breite
Palette von Gütern und Dienstleistungen übrig bleiben,
die wir getrost dem Markt überlassen können. Wie viel
Käse, Schuhe, Fernsehgeräte oder Fahrräder produziert
und verkauft werden, ist nicht Sache der Politik,
sondern des Marktes. Allerdings nimmt die Zahl der
Radfahrer zu, wenn es mehr bequeme Radfahrwege gibt. Und
das entscheidet sich meist in der Kommunalpolitik.
Der Begriff des „qualitativen Wachstums“ ist
eingängig, schön, aber politisch harmlos. Man kann sehr
wohl vom „qualitativen“ Wachstum schwärmen und doch
einfach so weitermachen wie bisher. Jedes Wachstum hat
schließlich seine Qualität. Selektives Wachstum fordert
auf zum Diskurs: Was wollen wir wachsen sehen, was
nicht? Was muss rascher wachsen, als die Marktkräfte es
wachsen lassen, was langsamer? Was muss schrumpfen?
Selektives Wachstum erfordert die politische Diskussion,
schließlich politische Entscheidungen, seien es Gesetze
oder administratives Handeln.
So, wie die
Forderung nach möglichst viel Wachstum zum Primat der
Ökonomie führt, so folgt aus der Frage, was denn wachsen
soll und was besser nicht, der Primat der Politik.
Aus einer Politik maximalen Wachstums ergeben sich
immer dieselben Forderungen: Bei den Marktradikalen die
nach Steuersenkung vor allem für Unternehmen und
„Leistungsträger“, bei radikalen Keynesianern die nach
kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen.
Beides
stößt inzwischen rasch an Grenzen, wenn die Finanzmärkte
wachsende Staatsverschuldung mit steigenden Zinsen
bestrafen und eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger
in ihren Kommunen zu spüren bekommen, was ein
ausgehungerter Staat für sie bedeutet.
V. Das
Konzept des „Neuen Fortschritts“ ist zwar nicht
identisch mit dem des selektiven Wachstums, aber es
schließt dies ein. Wer „Neuen Fortschritt“ will, muss
sagen, was wachsen soll und was nicht. Wo nur maximales
Wachstum angestrebt wird, bleibt der „Neue Fortschritt“
ein frommer Wunsch, eine Leerformel.
Was mit
„Neuem Fortschritt“ gemeint ist, könnte ziemlich genau
das sein, was eine sozialdemokratische Partei im 21.
Jahrhundert motivieren kann. Es ist eine zeitgemäße
Antwort aufgrund einer alten Tradition. Die Frage wäre
allerdings, ob die Wortwahl stimmt.
„Fortschritt“
ist heute, anders als im 19. Jahrhundert, kein Wort
mehr, das Menschenmassen mobilisiert. Bei manchen schürt
es sogar diffuse Ängste. Wenn die demokratische Linke
auf dieses Wort nicht verzichten will, wofür einiges
spricht, dann reicht es wohl auch nicht, das Adjektiv
„neu“ davorzusetzen.
„Neu ist nicht nur durch die
Werbung abgegriffen, es ist auch sehr nahe am Begriff
„Fortschritt“. Fortschritt ist immer neu, aber nicht
alles Neue ist Fortschritt. Genau das will ja der
Begriff „Neuer Fortschritt“ sagen.
Alternative
Vorschläge für die Benennung werden auch auf Kritik
stoßen. „Menschlicher Fortschritt“, „humaner
Fortschritt“ oder, um die soziale Komponente deutlicher
zu machen, „Fortschritt für alle“, das wären nur drei
von vielen Formulierungen, die in Frage kämen – immer
vorausgesetzt, dass man am „Fortschritt“ festhalten
will.
Auch der Ausdruck „Selektives Wachstum“ ist
für Öffentlichkeitsarbeit kaum geeignet. Er ist nur
präzise und eignet sich nicht zu Sprechblasen, die zu
nichts verpflichten. Dagegen verstehen es alle Schichten
der Gesellschaft, wenn sie hören, es gehe nicht darum,
wie viel wächst, sondern was wächst. Wache Bürgerinnen
und Bürger beteiligen sich gerne an einer Diskussion
darüber, was nach ihrer Einschätzung rasch wachsen
sollte und was nicht. Eine Diskussion darüber, was
wachsen und was schrumpfen muss, damit wir unsere
natürlichen Lebensgrundlagen schonen und so leben
können, wie wir leben wollen, könnte unsere Demokratie
besser beleben als alles Jammern über
Demokratieverdrossenheit. Damit wäre ein
Paradigmenwechsel verbunden. In der marktradikalen
Epoche haben wir uns nämlich angewöhnt zu fragen, wie
wir leben müssen, um im internationalen Wettbewerb
bestehen zu können. Politik aber lebt von der Frage, wie
wir eben wollen.
Sowohl das selektive Wachstum
als auch die Suche nach einer neuen Art von Fortschritt
ist Ausfluss der Frage, wie wir leben wollen und wie
nicht. Damit hat die Geschichte der Sozialdemokratie
begonnen. |
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Gewalt (21.01.2011)
„Gewalt“ kommt von
„walten“. „Das walte Gott!“ sangen früher die
Grundschüler vor Beginn des Unterrichts. „Walten“ –
etwas verantwortlich, ordentlich erledigen. So entstand
„verwalten“. An alledem ist nichts Verwerfliches.
Wenn wir von
„Gewaltenteilung“ reden, geht es nicht um Abgrenzung der
Reviere gewalttätiger Banden, sondern um die Trennung
von exekutiver, legislativer und richterlicher „Gewalt“.
„Elterliche Gewalt“ meinte nicht den Rohrstock, sondern
verantwortliche Entscheidungen der Eltern zum Wohl des
Kindes.
Bis vor wenigen
Jahren endete das Matthäus-Evangelium mit dem
Jesus-Wort: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und
auf Erden.“ Neuerdings heißt es an dieser Stelle oft
nicht mehr „alle Gewalt“, sondern „alle Vollmacht“. Denn
in vielen Kirchen beging man auch die „Dekade zur
„Überwindung der Gewalt“. Sie wurde im angelsächsischen
Sprachraum erfunden und beschlossen. Dort war das Ziel
„to overcome violence“. Den Deutschen blieb nichts
anderes übrig, als „violence“ mit „Gewalt“ zu
übersetzen. Korrekt war das nicht. Denn „violence“,
entlehnt aus dem Französischen, kommt in allen
romanischen Sprachen vor und leitet sich ab von
lateinisch „violare“ verletzen. „Violence“ ist eine
absichtlich verletzende, gesetzlose, notfalls tötende
Gewalt. Wenn Polizisten einen Geiselnehmer überwältigen
und Geiseln befreien, dann tun sie dies in England nicht
„by violence“, sondern „by force“. „Force“ ist eine
Gewalt, die auch aus der Pistole kommen kann, die aber
geltendes Recht nicht außer Kraft setzen, sondern
durchsetzen soll, die vielleicht verletzen muss, aber
nicht verletzen will. So haben deutsche Pazifisten die
„Dekade zur Überwindung der Gewalt“ oft anders
verstanden als Briten oder Franzosen. Denn was
Polizisten oder die Soldaten im Kosovo oder Bosnien
ausüben, ist zwar „Gewalt“. Aber es war und ist keine
„Violence“.
Der demokratische
Rechtsstaat ist die einzig erfolgreiche Methode,
jegliche Gewalt, auch die eigene, dem Recht zu
unterwerfen. Aber dies bedeutet auch, dass keine
Rechtsordnung, auch nicht die demokratische, ohne eine
Polizei auskommt, die notfalls „by force“ die Einhaltung
der Gesetze erzwingt. Dass aber Gerichte entscheiden
können, ob die legitime „force“ nicht umgeschlagen ist
in strafbare „violence“, ist der Vorzug des
Rechtsstaats.
Der Krieg zwischen
Staaten war ein besonderer Rechtszustand, in welchem die
„violence“ legal wurde, ja zur Pflicht eines Soldaten,
der töten sollte, musste, und der oft nur tötete, um
selbst nicht getötet zu werden. Ob ein solcher
Rechtszustand zu verantworten und also legitim sein
kann, war über Jahrhunderte kaum umstritten. Heute
erscheinen Kriege einer Mehrheit als Gewaltorgien, als
Triumph der violence.
Nur wissen wir
nicht mehr so genau, was Krieg ist. Im 21. Jahrhundert
nehmen nämlich die Kriege zwischen Staaten ab. Zu Beginn
des Jahres 2011 gibt es keinen einzigen Krieg zwischen
den knapp 200 Staaten. Spätestens im Irak hat sich
gezeigt, dass auch der Sieger in einem solchen Krieg
politisch nur verlieren kann.
Während die Kriege
zwischen Staaten selten werden, nehmen die
Gewaltausbrüche innerhalb von zerfallenden oder
zerfallenen Staaten zu. Die marktradikale Welle hat, vor
allem durch die Anpassungsprogramme des IWF
(Internationaler Währungsfonds) ohnehin schwache Staaten
im Süden der Erde so reduziert, dass sie nicht mehr
leisten konnten, was ihre bescheidenen Bewohner
erwarteten: eine gewisse Rechtssicherheit, eine nicht
korrupte Justiz, eine Polizei, die Verbrecher stellt.
Das staatliche Gewaltmonopol zerbröselt, die Reichen
heuern sich private Leibwachen oder ganze Milizen an,
die Gewalt privatisiert und kommerzialisiert sich. Der
Unterschied zwischen legitimer force und illegitimer
violence verwischt sich, und am Ende steht chaotische
Violence. Im Kongo hat sie zwischen zwei und drei
Millionen Menschen das Leben gekostet.
Dem Staatszerfall
geht die Spaltung der Gesellschaft voraus. Wo Millionen
in Slums ums Überleben kämpfen und die Betuchten sich in
Gated Communities verschanzen und sich von privat
besoldeten Wächtern bewachen lassen, privatisiert,
kommerzialisiert und brutalisiert sich die Gewalt. Sie
wird violence pur.
Das Gewaltmonopol
des Staates, das sich in Europa vor einem halben
Jahrtausend durchzusetzen begann, ist ein großer
zivilisatorischer Fortschritt. Wo es erodiert oder gar
zerbrochen ist, werden Menschen nicht frei, sondern
Freiwild. Es wieder herzustellen, ist schwierig und
langwierig. Von innen, weil eine starke Kraft wollen
müsste, dass Gewalt (im Sinne von force) nur noch als
Waffe staatlichen Rechts erlaubt ist und dass diese
Kraft, die zuerst auch nur als Violence wahrgenommen
wird, sich gegen andere Violence durchsetzt. Von außen,
weil eine Intervention zwar von den Opfern als Befreiung
begrüßt, von den Gewalttätern aber als imperialistische
Versklavung denunziert wird. Ob eine solche Intervention
aussichtsreich, unvermeidbar, ethisch geboten ist, wird
die Weltgemeinschaft, vor allem der UNO-Sicherheitsrat
immer wieder entscheiden müssen. Auf Dauer brauchen wir
ein internationales Gewaltmonopol, das Kriege zwischen
Staaten verhindern und bei Gewalt innerhalb von
(zerfallenden) Staaten das nationale Gewaltmonopol
ersetzen kann. Dass Zusehen moralisch in jedem Fall
besser sei als Eingreifen, ist höchst zweifelhaft. |
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Humaner Fortschritt (21.01.2011)
--- Vorwärts
Bis zum Ersten
Weltkrieg haben Liberale und Sozialdemokraten
Fortschritt nicht nur gewollt. Sie haben daran geglaubt.
Für sie war er ein Geschichtsgesetz. Was Wissenschaft an
immer neuer Erkenntnis brachte, was Technik neu
ermöglichte, musste notwendig das Leben leichter, Arbeit
erträglicher, Kultur reicher, das Zusammenleben humaner
machen.
Menschenfeindliche Diktaturen und zwei
Weltkriege zeigten, dass solcher Fortschritt kein Gesetz
war. Aber man konnte ihn wollen, dafür kämpfen.
Für Sozialdemokraten gehörte dazu sozialer Fortschritt.
Ziel war die Gesellschaft der Freien und Gleichen, nicht
nur vor dem Gesetz. Was Wissenschaft und Technik
ermöglichten, sollte allen zugute kommen.
Wirtschaftsliberale setzten Fortschritt mit
wirtschaftlichem Wachstum gleich, auch als in den
Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts die
ökologischen Grenzen des Wachstums erkennbar wurden. In
Sozialdemokratie und Gewerkschaften begann damals die
Suche nach einem Fortschritt, der die Lebensqualität
nicht gefährdet, sondern steigert. Höhepunkt dieses
Diskurses war die Internationale Tagung der IG Metall
zum Thema „Lebensqualität“ in Oberhausen im April 1972,
die Bundespräsident Gustav Heinemann eröffnete.
Die marktradikale Welle hat in den folgenden Jahrzehnten
alle solchen Ansätze weggespült. Für Marktradikale gibt
es nur einen Fortschritt: Wirtschaftliches Wachstum.
Ihre Verheißung war, dass dieses Wachstum sich um so
rascher vollziehe, je freier, entfesselter man die
Märkte walten lasse, je mehr Staatsaufgaben man ihnen
überlasse, je mehr sich die Einkommen „spreizten“, also
ungleicher würden. Fortschritt kam durch mehr
Ungleichheit im hilflosen Staat. Die schlimmen Folgen
dieser Ideologie trafen zuerst den Süden der Erde. Wo
die Kluft zwischen arm und reich die Gesellschaften
spaltete, zerfielen die ohnehin schwachen Staaten, die
Gewalt privatisierte, kommerzialisierte und
brutalisierte sich.
Für die meisten
Industrieländer wurden die Ergebnisse der marktradikalen
Epoche erst spürbar durch die Bankenkrise. Als die
Banken einander nur noch Geld liehen, wenn der Staat die
Rückzahlung garantierte, hatte sich der
Marktradikalismus gründlich widerlegt, ja lächerlich
gemacht. Die rettenden Staaten sind aus der Krise mit
höherem Prestige, aber auch mit weit höheren Schulden
herausgekommen. Weil Banken nicht Pleite gehen durften
und die Wirtschaft wieder angekurbelt werden musste,
stehen jetzt Staaten vor der Pleite. Und denen
verschreibt man dieselben Rezepte wie vorher: sparen,
Aufgaben abbauen, privatisieren.
Über die
Verheißungen des Marktradikalismus kann man nur noch
lächeln. Als Sachzwang könnte er wieder kommen. Aber
sogar Konservative denken um. Meinhard Miegel stellt die
Gleichung Wachstum = Fortschritt in Frage. Seine Thesen:
1) Für die alten Industrieländer geht die Epoche raschen
Wachstums zu Ende. Was noch an Wachstum anfällt, wird
die Lebensqualität nicht erhöhen.
Wachstum kann
nicht mehr Ziel der Politik sein. „Nullwachstum“ noch
weniger. Es kommt darauf an, was wachsen soll, was
nicht.
Die SPD hat schon im Berliner Programm
festgestellt: „Nicht jedes Wachstum ist Fortschritt“ und
ökologische und soziale Kriterien dafür genannt, was dem
Fortschritt dient, was nicht. Dem wäre heute
hinzuzufügen: „Wachsen soll, was die Gesellschaft
zusammenhält, schrumpfen soll, was sie spaltet“. Denn
inzwischen ist die Kluft zwischen arm und reich
gefährlich tief geworden.
2009 stellte in England
ein Buch – anhand unzähliger Statistiken – die These
auf, dass in Industrieländern die Lebensqualität in dem
Maße abnimmt, wie die ökonomische Ungleichheit zunimmt.
Je ungleicher die Gesellschaft, desto mehr Gewalt, mehr
Gefängnisse, mehr psychische Krankheit, desto kürzer die
Lebenserwartung, desto misstrauischer die Menschen.
Hatten Marktradikale behauptet, Ungleichheit
beschleunige das Wachstum, so bewiesen die Autoren, dass
nicht Wachstum, sondern weniger Ungleichheit die
Lebensqualität erhöht.
Wenn humaner Fortschritt
ist, was zum besseren Leben führt, dann ist verminderte
Ungleichheit, sozialer Ausgleich, soziale Gerechtigkeit
ein Zugang zu diesem Fortschritt. In der solidarischen
Gesellschaft lebt sich’s für alle besser als in der
Ellbogengesellschaft. Das kann und muss der Kern einer
sozialdemokratischen Alternative zum Marktradikalismus
sein. |
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Der linke Naumann (14.02.2011)
--- Frankfurter
Rundschau
Friedrich Naumann,
1860 geboren, war ein evangelischer Theologe, der zuerst
im Rauhen Haus in Hamburg und dann als Seelsorger in
einer Gemeinde von Textilarbeitern erfuhr, wie das Leben
eines Arbeiters oder einer Arbeiterin um 1890 aussah. Er
schlug sich auf ihre Seite und war überzeugt, dabei in
der Nachfolge Jesu Christi zu handeln. Was er
„christlich-sozial“, manchmal sogar „christlichen
Sozialismus“ nannte, stieß in seiner mehrheitlich
stockkonservativen Kirche auf empörten Widerspruch.
Daher nannte er später seinen Verein nicht mehr
„christlich-sozial“ sondern „national-sozial“. Der
Amtskirche setzte er sein Bekenntnis entgegen: „Solange
es Menschengeschichte gibt, wird es Sünde und Elend
geben. Aber ebenso lange wird es christlich sein, die
Finsternis hell zu machen, Sklavenketten zu brechen und
Höhlen in Häuser zu verwandeln.“
Für Liberale muss
dieses Credo sehr fremd geklungen haben. Da glaubte
einer nicht an den Fortschritt und sah Sklavenketten in
einem Land, in dem vor dem Gesetz doch alle gleich
waren.
Als Naumann
einsehen musste, dass seine kleine Partei – die nie mehr
als 2 700 Mitglieder hatte – keine Chance hatte, blieb
nur die Wahl zwischen Resignation und der Einordnung in
eine lebensfähige Partei. Einige Naumannianer schlossen
sich den Sozialdemokraten an. Naumann selbst stieß zur
„Freisinnigen Vereinigung“, weil er nicht ohne Grund
fürchtete, dass eine so profilierte Figur wie er, zudem
Theologe, in einer so disziplinierten Partei anecken
würde.
In Preußen – und
das waren um 1900 zwei Drittel Deutschlands – gab es
immer mindestens zwei liberale Parteien.
Nationalliberalen gehörten zu den Stützen der Monarchie,
die linken Liberalen, die sich 1910 zur
„Fortschrittlichen Volkspartei“ zusammenschlossen, eher
zu ihren Kritikern. Naumann, obwohl ein Verehrer des –
vor fünf Jahren verstorbenen – Kanzlers, zog 1903 die
linken Liberalen vor, weil er dort eher eine Chance sah,
seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Und das tat
er dann mit der ihm eigenen Sprachgewalt und
Überzeugungskraft.
Naumann
unterschied in vielen Vorträgen und Schriften zwischen
einem „älteren“, manchmal auch „theoretischen“ oder
„formalen“ Liberalismus und einem „neuen“ oder auch
„praktischen“ Liberalismus. Der alte, formale,
theoretische Liberalismus propagierte den freien Markt
und also den Freihandel mit allem, auch mit der
Arbeitskraft. Der praktische, neue Liberalismus jedoch
wusste, „dass nur der frei sein kann, der weiß, wovon er
die nächsten vier Wochen lebt. Wer das nicht weiß, dem
nützt die schönste Theorie darüber, dass man sich frei
verkaufen könne, zunächst nichts“ (Die politischen
Parteien S. 92) Genau so argumentierten die
Sozialdemokraten, und Naumann wusste dies. So konnte er
definieren: „Der Sozialismus ist die denkbar weiteste
Ausdehnung der liberalen Methode auf alle modernen
Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse“
(Freiheitskämpfe S. 52). Sein „praktischer
Liberalismus“, zu Ende gedacht, ergab das, was im
Godesberger Programm „demokratischer Sozialismus“ heißt.
Naumann hat sich
bis zu seinem frühen Tode auf der linken Seite der
politischen Skala eingeordnet. Er suchte „die Mehrheit
links vom Zentrum“. Naumann hat 1918 die „Deutsche
Demokratische Partei“ mitgegründet. Sie sollte, anders
als die „Deutsche Volkspartei“ Gustav Stresemanns, eine
Stütze der Republik sein in einer Koalition mit den
Sozialdemokraten. Und das blieb sie auch. Dass ihr die
Wähler davonliefen, hatte viele Gründe. Einer war, dass
Friedrich Naumann schon im August 1919, 59-jährig,
starb.
Naumann war, wie
viele aus der Generation Wilhelms II, begeistert vom
Werk Bismarcks, dem endlich geschaffenen Deutschen
Reich. Ein Chauvinist war er nicht – oder nur einmal in
seinem Leben, als er die Hunnenrede seines Kaisers
verteidigte. Das hat er dann bedauert, als er, immerhin
sechs Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, diesen
Kaiser durchschaute. Sein Buch über „Mitteleuropa“
skizziert nicht die Herrschaft einer deutschen
Herrenrasse über ihre Nachbarn, sondern einen föderalen
Zusammenschluss Mitteleuropas, also auch der
Habsburgermonarchie – zu einer Wirtschaftsgemeinschaft
unter deutscher Führung. Das war weit weniger
unvernünftig als die Annexionspläne, die damals sogar
einem Stresemann einleuchteten. Kein Wunder, dass
Naumann sich später für die Friedensresolution des
Reichstags verkämpfte, die von der deutschen Rechte,
später von den Nazis, als Verrat denunziert wurde.
Dass die heutige
FDP – und noch mehr ihre Naumann-Stiftung – für einen
Liberalismus steht, den Naumann leidenschaftlich
bekämpft hat, ist verwunderlich, aber keine Schande. Aus
dem National-Sozialen Verein (1896 – 1903) einen
Vorläufer der Nazis zu machen, ist nicht einmal den
Nazis selbst eingefallen. Mit diesem Verein hat sich
Naumann vom antisemitischen Hofprediger Stöcker
abgesetzt.
Der europäische
Sozialstaat ist in mehr oder minder demokratischen
Nationalstaaten entstanden. In diesen Kontext gehört
Friedrich Naumann. Mit jenem Bündel aus Ressentiments,
das die Nazis schnürten: Antiliberalismus,
Antisozialismus, Antisemitismus, Antihumanismus, mit
Rassismus und Neuheidentum hatte Naumann nichts zu tun. |
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Wer regiert die Welt? (Dresden, 3.6.2011)
--- Vortrag Kirchentag
Dresden
I. Wenn
man so alt ist wie ich, erwarten viele so etwas wie
Altersweisheit. Damit kann ich nicht dienen. Dafür
ärgere ich mich noch zu viel. Aber als alter Mann kann
man eine lange Zeit überblicken. Vor allem kann man
vergleichen, was man vor 60 oder 50 oder dreißig Jahren
erlebt oder gar mitbewirkt hat mit dem, was heute in den
Zeitungen steht.
Als ich vor 44 Jahren, also
1967, meinen ersten Vortrag auf einem Kirchentag hielt,
gab es in der alten Bundesrepublik zum erstenmal seit
dem Krieg eine kleine Wirtschaftskrise. Plötzlich keine
hohen Wachstumsraten mehr, Firmenpleiten, Arbeitslose,
sogar in der Automobilindustrie. Und das hatte begonnen
ausgerechnet unter der Kanzlerschaft des
Wirtschaftswundermannes Ludwig Erhard. Er musste gehen,
dafür kam die erste Große Koalition mit Kiesinger und
Brandt. Ihre Hauptaufgabe: Die Wirtschaft wieder
anzukurbeln. Und das tat sie dann, und zwar gründlich,
nach den Methoden, die in den Dreißigerjahren der
britische Ökonom Keynes formuliert hatte. Die Älteren
erinnern sich noch an Plüsch und Plum, Franz Josef
Strauß und Karl Schiller.
Damals verstand es sich
noch von selbst, dass der Staat dem Markt einen Rahmen
zu setzen, die Märkte zu ordnen hatte. Die
Körperschaftssteuer für Unternehmen war noch etwa
doppelt so hoch wie heute, der Spitzensatz der
Einkommensteuer lag bei 53 %. Schulden hatte die
Republik daher so gut wie keine, obwohl doch noch 20
Jahre zuvor ganz Deutschland ein Trümmerfeld gewesen war
und die Bundesrepublik inzwischen eine halbe Million
Soldaten unter Waffen hatte. Zwei Jahre später, 1969,
konnte dann die Regierung Brandt bei ihren
Sozialreformen aus dem Vollen schöpfen, ohne neue
Schulden. Wer von Sachsen aus das Westfernsehen
verfolgte, wusste, dass die Deutschen im Westen nicht
nur reicher und freier, sondern auch sozial gesichert
waren, anders als in der DDR, aber nicht weniger
wirksam.
Diese Bundesrepublik hatten viele hier
in Dresden, Leipzig oder Schwerin noch in Erinnerung,
als sie der DDR-Führung erst klarmachten, dass sie das
Volk sind und bald auch, dass die Deutschen ein Volk
sind. Aber als dann die Einheit kam, viel schneller als
alle erwartet und viele gehofft hatten, begegneten sie
einem anderen Kapitalismus. Was sich in England und den
USA schon in den frühen Achtzigerjahren durchgesetzt
hatte, mit Margarete Thatcher und Ronald Reagan, war nun
auch in Deutschland angekommen.
II. Die
marktradikale Welle, die damals über den ganzen Erdball
schwappte, sich als Folge der Globalisierung ausgab und
viel wegschwemmte, was sich vorher von selbst verstand,
hatte, so sehr sie auch vom Antikommunismus lebte, etwas
mit dem Marxismus-Leninismus gemein: Beides waren
Ideologien, Heilslehren, die sich als Wissenschaft
ausgaben. Wer gegen sie antrat, musste sich anhören, er
sei unwissenschaftlich, verstehe nichts von Ökonomie.
Noch etwas verband die beiden: War der Kommunismus
versucht, bei dem Versuch gescheitert, den Markt durch
den Staat, durch die Beschlüsse eines Politbüros und
eine folgsame Bürokratie zu ersetzen, so meinten die
Marktradikalen: Wenn es doch so töricht war, den Markt
durch Staat zu ersetzen, warum versuchen wir es nicht
umgekehrt? Warum ersetzen wir nicht den Staat, so weit
dies irgend geht, durch die Märkte? So bekam der
Marktradikalismus vor 20 Jahren einen neuen Schub. Dabei
spielten in Osteuropa sogar die gewandelten,
konvertierten Kommunisten mit. „Weil der Sozialismus
siegt, galten für sie die Gesetze ihres Sozialismus. Nun
hatte aber der Kapitalismus gesiegt. Also mussten auch
die Gesetze des Kapitalismus gelten, und zwar in ihrer
reinen, marktradikalen Form, wie sie die Chicago-Boys
verkündeten. Die Flat Tax, also denselben Satz bei der
Einkommensteuer für Hilfsarbeiter und Milliardäre, gibt
es nicht in Westeuropa, wohl aber in manchen Staaten des
einstigen Warschauer Paktes.
Der
Marktradikalismus war die vorläufig letzte wirksame
Utopie: Wenn man nur die Märkte ungestört walten lasse,
würden schließlich alle reich. Zuerst natürlich die
ohnehin Reichen, aber dann tröpfle der Reichtum
schließlich durch zu den Armen, wenn sie deren
Schwimmbäder und Luxusjachten bauten. Das war die
„trickle down“-Theorie. Der Staat war in dieser
Heilslehre vor allem ein Markthindernis, dem man durch
permanente Steuersenkung zuleibe rücken musste. Der
Markt war immer klüger als die Politik. Daher verdient
in den USA heute die politische Führungsschicht weniger
als 1 % dessen, worauf die ökonomische Führungsschicht
Anspruch zu haben glaubt.
Wenn der Markt immer
klüger ist als die Politik, dann bedeutet dies auch,
dass da, wo der Markt blind ist, nichts gescheht. Der
Markt aber ist sozial blind, und er ist ökologisch
blind. Also kein sozialer Ausgleich, keine Rücksicht auf
natürliche Kreisläufe. Tatsächlich waren wir in den
Siebzigerjahren in manchen Feldern schon weiter als
2008. In den frühen Siebzigerjahren gab es schon eine
ganze Literatur über die Frage, ob das gewohnte
Wirtschaftswachstum die Lebensqualität erhöht oder gar
gefährdet. Das wird erst jetzt wieder ausgegraben. Jetzt
setzt der Bundestag eine Enquete-Kommission ein zum
Thema „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Das sind
genau die Themen, über die wir vor knapp vierzig Jahren
schon gestritten haben. Sie wurden von der
marktradikalen Welle einfach weggeschwemmt und tauchen
jetzt wieder auf.
Heute wissen wir, dass in der
Krise nicht die Märkte die Staaten, sondern die viel
gescholtenen Staaten die scheinbar unfehlbaren Märkte
retten mussten – und auch retten konnten, weil sie noch
nicht ganz so schwach waren, wie die Marktradikalen sie
machen wollten. Noch einmal zehn Jahre ungehemmter
Marktradikalismus, dann hätten die Rettungspakete für
die Banken die meisten Staaten dahin geführt, wo heute
Griechenland und Portugal stehen. Denn die Finanzmärkte
behandeln Staaten nicht anders als Unternehmen: Mit der
Höhe der Schulden steigt der Zinssatz für Kredite, und
zwar so lange, bis auch die Zinsen nicht mehr
erschwinglich sind.
Wenn die Marktradikalen dem
Staat zuleibe rücken wollten, dann meinten sie zuerst
den Sozialstaat. In den USA sind sie dabei bis heute
erfolgreich. Aber wo jeder nur für sich selber sorgt,
mit sehr unterschiedlichem Ergebnis, spaltet sich die
Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Gemeint war bei
der Staatskritik auch die ökologische Verantwortung.
Ökologie war für sie – und ist es heute noch – ein
infamer linker Trick zur Fesselung der Märkte.
In
Entwicklungsländern und Schwellenländern, wo der Staat
ohnehin schwach auf der Brust war, haben die
Schlankheitskuren des IWF, des Internationalen
Währungsfonds, viele Staaten nicht schlank, sondern
schwindsüchtig gemacht. Sie konnten auch primitive
Schulen nicht mehr finanzieren, auch keine
unbestechliche Justiz, und die Polizisten waren so
miserabel entlohnt, dass sie ohne Korruption gar nicht
leben konnten und auch keine Lust mehr hatten,
Verbrecher zu stellen. Das staatliche Gewaltmonopol
zerbröselte, die Gewalt privatisierte und
kommerzialisierte sich. So entstanden die „failing
states“, die zerfallenden Staaten, und schließlich auch
die „failed states“, die bereits zerfallenen Staaten wie
Somalia oder der Kongo.
Heute haben wir an der
Südgrenze der USA einen zerfallenden Staat. In Mexiko
sterben jährlich mehr Menschen an der Gewalt zwischen
rivalisierenden Drogenbanden, aber auch zwischen
Drogenbanden und der Polizei (manchmal auch dem
Militär), als in Afghanistan Menschen umgebracht werden.
Und dort herrscht angeblich Krieg.
Was da im
Süden abläuft, wäre allein Gegenstand eines
zweistündigen Vortrags. Der Staatszerfall dort widerlegt
die These, der Bürger und die Bürgerin seien umso
freier, je schwächer der Staat. Im zerfallenen Staat
wird vor allem die Bürgerin nicht frei, sondern
Freiwild. Anstelle des zweistündigen Vortrags mute ich
ihnen zwei Überzeugungen zu, die sich bei mir in den
letzten 20 Jahren verfestigt haben:
1.) Während
die größte Gefahr des 20. Jahrhunderts der autoritäre,
ja totalitäre Staat war, ist es im 21. Jahrhundert der
hilflose, handlungsunfähige, erpressbare und schließlich
zerfallende Staat. 2.) Während die Geißel des 20.
Jahrhunderts die unvorstellbaren Gemetzel zwischen
starken Nationalstaaten waren, die wir Weltkriege
nennen, haben wir es im 21. Jahrhundert weniger mit
Kriegen zwischen Staaten als mit Gewalt innerhalb von
zerfallenden Staaten zu tun, vor allem mit
privatisierter und kommerzialisierter, letztlich
chaotischer Gewalt, für die es nur das Recht des
Stärkeren gibt.
Der Zerfall von Staaten beginnt
mit der Spaltung der Gesellschaft. Wo sich die
Wohlhabenden einigeln in Gated Communities, Städten
innerhalb der Städte, hinter elektrisch geladenen
Zäunen, bewacht von privat besoldeten Sicherheitsleuten,
aus Furcht vor der Gewalt, die aus riesigen Slums kommt,
in die sich die Polizei bestenfalls einmal am Tag in
großen Rudeln hineintraut, wo beide nur noch durch
Furcht und Hass verbunden sind, in den Slums mehr Hass
als Furcht, in den Gated Communities mehr Furcht als
Hass, wird durch die Spaltung der Gesellschaft so viel
privatisierte Gewalt entbunden – von unten und von oben
-, dass der Staat sein Gewaltmonopol nicht aufrecht
erhalten kann.
IV. Wie die Krise, deren Ausläufer
wir gegenwärtig erleben, entstanden ist, darüber kann
man jetzt schon dicke Bücher lesen – oder auch nicht
lesen, weil sie im Ökonomenjargon geschrieben sind.
Vielleicht kann man als Laie sagen: Die Krise ist
entstanden, weil hochbezahlte Banker nicht mehr wussten,
was sie in ihren Tresoren hatten. Weil sie für viele
Milliarden Euro Papiere gekauft hatten, deren Risiken
auch sie nicht mehr durchschauten. Niemand hatte
verhindert, dass in Derivaten von Derivaten Risiken
versteckt wurden, die auch erfahrene Banker nicht
erkannten.
Die Faustregel, die jeder Banklehrling
in den ersten vier Wochen lernt, dass nämlich hohe
Zinsen auch ein hohes Risiko bedeuten, war offenbar
außer Kraft. Die gepriesene Deregulierung erwies sich
als Falle. Die Märkte regulierten sich nicht von selbst.
Bald weigerten sich die Banker, in Deutschland alle,
ihren Kollegen, wie üblich, Kredit zu gewähren, wenn die
gerade nicht liquide waren. Kein Banker lieh dem anderen
noch Geld – es sei denn, der Staat, der Finanzminister
garantierte die Rückzahlung. Jeder wusste, was er selbst
an faulen Papieren gestapelt hatte und argwöhnte, beim
Kollegen werde es nicht besser aussehen, vielleicht
sogar noch schlimmer. Markt ohne Staat blockierte sich
selbst. Schlimmer hat sich noch keine Ideologie
blamiert. Schlimmer ist noch keine widerlegt worden.
Aber eindeutige Widerlegungen gelten nur in der
Wissenschaft für immer, nicht in der Politik. Was als
Verheißung erledigt ist, kann als Sachzwang
wiederkehren. Die Staaten Europas sind aus der Krise mit
sehr viel mehr Prestige herausgekommen, aber eben auch
mit sehr viel mehr Schulden. Man traut ihnen wieder mehr
zu, aber bezahlen und damit tun können sie weniger.
Jetzt wird nicht mehr privatisiert, weil eine Mehrheit
dies für gut hält, sondern weil sich sonst der Haushalt
nicht ausgleichen lässt. Jetzt wird im Sozialhaushalt
nicht gekürzt, weil eben jeder für sich selber sorgen
soll, sondern weil die Schuldenbremse es verlangt. Für
die Betroffenen kann dies gleichgültig sein.
V.
Die Wiederkehr des Marktradikalismus als Sachzwang lässt
sich nur verhindern, wenn ein Tabu, das sich in den
letzten 20 Jahren eingeschlichen hat, endlich gebrochen
wird: Es ist das Verbot, von den Gewinnern dieser Epoche
einen höheren Beitrag für die öffentlichen Kassen
verlangen. In den USA hat ein gewisser Rover Norquist,
Präsident der „Americans for tax reform“ seit vielen
Jahren republikanischen Abgeordneten und Senatoren einen
Eid abgenommen, dass sie niemals für eine Steuererhöhung
stimmen werden. Und die meisten haben ihn abgelegt. So
weit ist es in Deutschland nicht gekommen. Aber ein Tabu
in den Köpfen gibt es auch hier.
Eines ist für
mich klar: Wenn gegen die Verschuldung von Bund, Ländern
und Gemeinden nur dadurch angekämpft werden soll, dass
deren Leistungen für die Gesellschaft verringert werden,
während die Zahl der Milliardäre steil ansteigt, dann
werden wir der Spaltung nicht entkommen. Nach der
Widerlegung der marktradikalen Ideologie ergeben sich
für mich zwei Hauptaufgaben für die nächsten Jahrzehnte
1.) Die ökologische Aufgabe, unser Wirtschaften
sustainable, durchhaltbar, nachhaltig zu machen und den
Klimawandel zu bremsen. Darüber kann ich hier nur so
viel sagen: Dies ist eine Aufgabe der Politik und der
Zivilgesellschaft. Sie lässt sich nicht an den Markt
abtreten. 2.) Unsere Gesellschaft zusammenzuhalten,
ihre Spaltung zu verhindern. Das bedeutet auch: aus
einer Konkurrenzgesellschaft Zug um Zug eine
solidarische Gesellschaft zu formen.
Beides beißt
sich nicht, es stützt sich gegenseitig. Wahrscheinlich
werden wir nur nachhaltig leben und arbeiten können,
wenn wir auch solidarisch sind. Und wahrscheinlich
werden wir die Konkurrenzgesellschaft nur überwinden
können, wenn wir die Bedürfnisse unserer Enkel und
Urenkel ernst nehmen.
Wenn wir das schaffen
wollen, brauchen wir nicht nur Gesetze und politische
Entscheidungen. Natürlich brauchen wir einen TÜV für
Wertpapiere. Wenn es möglich und nötig ist, kein
Arzneimittel zuzulassen, ehe es von einer unabhängigen
Stelle auf seine Wirksamkeit und seine Nebenwirkungen
geprüft worden ist, dann ist es nötig und auch möglich,
Papiere daraufhin zu prüfen, ob ein normaler Sterblicher
begreifen kann, was er da kauft. So müsste ich
fortfahren, wenn ich in einem Parlamentsausschuss säße.
Hier auf dem Kirchentag ist etwas anderes noch
wichtiger: Wir brauchen ein anderes geistiges Klima. Wir
brauchen eine wache Zivilgesellschaft, die ein anderes
Klima verbreitet.
VI. Wir haben in den letzten 20
Jahren gelernt, dass Egoismus eine gute Sache sei, weil
er das Wachstum fördere: „Wenn jeder für sich selber
sorgt, ist für alle gesorgt.“ Das, was im Neuen
Testament „der Nächste“ ist, wurde zum Konkurrenten.
Sicher, Wirtschaft läuft nicht ohne Wettbewerb. Aber der
Kindergarten schon, sogar die Universität, ganz
abgesehen von der Kirchengemeinde. In uns allen steckt
einiges an Egoismus. Er hat auch seine Funktion. Aber
man muss ihn nicht feiern, nicht zum Maß aller Dinge
machen. Paulus hat an die Galater nicht geschrieben:
„Einer konkurriere mit dem anderen. So werdet Ihr das
Gesetz des Marktes erfüllen.“ Sondern – und das war
einmal das Thema eines Kirchentages: „Einer trage des
anderen Last. So werdet Ihr das Gesetz Christi
erfüllen.“
Vor einigen Jahren hat ein
renommierter Professor in einem renommierten Verlag eine
Einführung in die Theorie geschrieben, die er neoliberal
nannte, die ich inzwischen, um Missverständnisse zu
vermeiden, marktradikal nenne. In diesem Büchlein
beklagt der Professor die „Lernresistenz“ der Kirchen.
Sie seien schlicht unfähig, die neue Wahrheit zu
erkennen und zu würdigen, obwohl diese doch
wissenschaftlich erwiesen sei. Ich will jetzt nicht
darüber rechten, ob die Kirchen diese Lernresistenz
nicht gelegentlich etwas deutlicher hätten artikulieren
können. Mir kommt es darauf an, dass die marktradikale
Lehre das genaue Gegenteil der Botschaft ist, die uns
als Christen bestimmt und motiviert. Jesus war immer für
andere da, für seine Nächsten, für seine geringsten
Brüder und damit auch für uns. Er hat nicht gelehrt, wie
wir uns gegen andere durchsetzen oder gar, wie wir zu
Geld kommen, er hat uns auf unsere Nächsten verwiesen,
auf das Du, auf das Wir. Er hätte sogar seine Einwände
gehabt gegen das, was wir heute Selbstverwirklichung
nennen, es sei denn, wir suchen sie zusammen mit und im
Dienst an unseren Nächsten.
Die Überwindung der
marktradikalen Parolen bedeutet die Rückkehr zu einer
Tradition von 2000 Jahren. In diesen 2000 Jahren haben
die Europäer immer gewusst, dass Menschen auch
egoistisch, manchmal sogar gierig sind, dass sie
rücksichtslos und brutal sein können, dass sie andere
betrügen, verletzen, ja töten können. Aber sie haben
auch gewusst, dass menschliches, humanes Zusammenleben
nur gelingt, wenn sie aufeinander zugehen, einander
helfen, einander vertrauen, sich füreinander
verantwortlich fühlen, sich aufeinander verlassen
können, sich selbst nicht zu wichtig und den Nächsten
wichtiger nehmen
Es mag höchst konservativ
klingten, für manche sogar reaktionär: Wenn auch unsere
Enkel und Urenkel eine gute Zukunft haben sollen, wenn
sie in und von einer einigermaßen intakten Schöpfung und
in einer nicht gespaltenen, solidarischen Gesellschaft
leben sollen, dann muss dieses uralte Wissen unser
Handeln und damit auch das gesellschaftliche Klima
unseres Landes bestimmen.
Die christliche
Botschaft ist nicht realitätsfern, sie ist realistischer
als die dominante Ideologie der letzten 30 Jahre. Sie
ist nicht altmodisch: Ihre Ethik ist das, was uns
Zukunft erschließen kann. |
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50
Jahre BMZ (20.10.2011)
--- Vorwärts-Magazin
Im Herbst 1961
zwang der 85-jährige Konrad Adenauer die FDP in eine
Koalition, welche die Liberalen vor der Wahl
ausgeschlossen hatten. Dafür musste er einiges bieten,
auch ein Ministerium für Walter Scheel, der sich im
Europäischen Parlament mit Entwicklungshilfe befasst
hatte. So entstand das BMZ.
An einem
richtigen, arbeitsfähigen Ministerium war Adenauer nicht
gelegen. Erst der Kanzler Ludwig Erhard sprach dem BMZ
wenigstens die Federführung für die technische
(personelle) Hilfe zu. Das war etwa ein Viertel des
Entwicklungsetats. Aber auch über diese Projekte wurde
in interministeriellen Referentenausschüssen (IRA)
entschieden. Erst 1973, zu Beginn der zweiten Regierung
Brandt/Scheel, wurde aus dem BMZ ein handlungsfähiges
Ministerium.
Walter Scheel fand
für das, was er – ohne im einzelnen entscheiden zu
können – öffentlich zu verantworten hatte, die richtige
Formel: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Alle seine Nachfolger
haben sie übernommen. Es ging darum, Menschen im Süden
des Globus dabei zu helfen, Hunger, Analphabetismus,
Arbeitslosigkeit zu überwinden, junge Leute an moderne
Technik heranzuführen, solide Verwaltungen aufzubauen.
Natürliche setzte jeder Minister – auch die einzige
Ministerin – eigene Akzente. Frauenförderung oder gar
eine Energieversorgung durch erneuerbare Energien waren
in den Sechzigerjahren kein Thema, wohl aber um die
Jahrhundertwende. Fragile Staaten vor dem Zerfall zu
bewahren, war in den Siebzigerjahren noch nicht nötig,
heute ist es eine der wichtigsten Aufgaben.
Sieht man vom
ersten Minister, Walter Scheel, ab, so haben bis 2009
nur die SPD und die bayerische CSU die Minister
gestellt, die SPD ziemlich genau für die Hälfte der 50
Jahre. Auch wenn jeder Minister seine eigene Sprache und
seine eigenen Schwerpunkte hatte, setzten alle auf
Kontinuität. Keiner kritisierte die Vorgänger, weder
öffentlich noch intern. Alle wussten, dass auch ein wohl
durchdachtes Projekt scheitern kann. Im Ministerium
waren alle bemüht, das Geld der deutschen Steuerzahler
so einzusetzen, dass für das betroffene Entwicklungsland
optimaler Nutzen entsteht. Wie dies möglich wird, war
Gegenstand einer nie abreißenden Diskussion.
Gegen diese Kontinuität hat erst 2009 Dirk Niebel
verstoßen, nicht nur durch unbedarfte Kritik an seiner
Vorgängerin, sondern schließlich durch die erstaunliche
Behauptung, das Ministerium, das er ursprünglich
abschaffen wollte, gebe es gar nicht mehr. Sollte es
wirklich ein ganz neues, anderes Ministerium geben, so
ist dies keine 50 Jahre, bestenfalls 50 Wochen alt. Es
wird auch keine 50 Jahre alt werden. Aber die Arbeit des
BMZ ist noch lange nicht getan.
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Politik und Ethik (24.11.2011)
--- Hammelsprung-Magazin
Wenn Politiker die
Ethik bemühen, genauer gesagt: wenn sie moralisch
werden, ist immer höchste Vorsicht geboten. Wenn ein
Bundeskanzler nach seiner Wahl die moralische Erneuerung
verspricht oder gar verkündet, dann will er vor allem
sagen: die Leute, die vor mir regiert haben, waren
moralisch höchst fragwürdige Figuren. Ab heute werdet
Ihr von moralischen Menschen regiert. Dass die summa
moralitas ganz rasch in die summa immoralitas umschlagen
kann, wussten schon die Scholastiker. In der Politik
kommt hinzu: Wer die Moral als Keule gegen andere
verwendet, übt sich in einer der übelsten Formen der
Unmoral.
Politiker wie Gustav Heinemann oder
Richard von Weizsäcker, denen kaum jemand ein sensibles
Gewissen abgesprochen hat, haben so gut wie nie
moralisiert. Ihre Gewissenhaftigkeit hat sich darin
gezeigt, dass sie Sachentscheidungen reiflich überlegt
haben und dann dazu gestanden sind, auch wenn ihnen der
Wind ins Gesicht blies; auch darin, dass sie nie die
Attitüde des moralisch Überlegenen angenommen, niemals
politische Gegner moralisch angegriffen haben. Sie
wussten: Wer einen Sachkonflikt moralisch auflädt,
handelt unmoralisch.
Das bedeutet natürlich
nicht, dass die Politik jenseits aller Ethik stattfände.
Ein Politiker, der nachweisbar gelogen hat, der also in
dem Augenblick, in dem er eine Behauptung aufstellte,
bereits wusste, dass sie nicht stimmt, muss gehen. Aber
wenn eine Partei in eine Regierungskoalition eintritt
und dann nicht alles realisieren kann, was sie im
Wahlkampf propagiert hat, dann ist dies nicht
unmoralisch, sondern ein unvermeidbarer Teil
demokratischer Regierungsbildung,. Wer dann diese Partei
mit Vorwürfen überschüttet, sie der Lüge oder gar des
Verrats zichtigt, missbraucht die Moral. Das Hauptlaster
der Politik ist nicht die Lüge, sondern die Eitelkeit.
Politik ist für Wahrheit nicht zuständig und doch
zur Wahrhaftigkeit verpflichtet. Was wahr ist, läßt sich
nicht durch Abstimmung entscheiden. Politik hat weder
die religiöse noch die historische noch die
philosophische und ganz sicher nicht die
naturwissenschaftliche Wahrheit zu dekretieren. Wo sie
dies versucht, wird sie totalitärer. Politische
Entscheidungen sind nicht wahr oder unwahr, sondern
richtig oder falsch. Natürlich wird eine Opposition
vieles für falsch halten, was für die Regierung richtig
ist. Aber bei diesem Für und Wider sind Sachargumente
gefragt, nicht moralische Pauschalurteile.
Wahrhaftigkeit besteht weder in der Politik noch im
Privatleben darin, dass man alles sagt, was man weiß
oder denkt. Wohl ab darin, dass man nicht bewusst die
Unwahrheit sagt. Demokratische Politik ist nicht denkbar
ohne Verrauen. Wer einen Kandidaten oder eine Partei
wählt, braucht dazu ein Mindestmaß an Vertrauen.
Natürlich kann dieses Vertrauen jederzeit entzogen
werden. Aber eine Demokratie, in der „die da unten“
grundsätzlich „denen da oben“ misstrauen, ist auf Dauer
nicht lebensfähig. Vertrauen aber gibt es nicht ohne
Wahrhaftigkeit. Daher ist es auch fahrlässig, von einer
„politschen Klasse“ zu reden. Klassen haben gemeinsame
Interessen. Sie misstrauen anderen Klassen. Gäbe es
wirklich eine „politische Klasse“, die sich gegen eine
„nichtpolitische“ oder gar „unpolitische Klasse“ zu
behaupten hätte, was hätten Wahlen für einen Sinn, wenn
nachher doch das gemeinsame Interesse der „politischen
Klasse“ durchschlägt?
Der Streit um die Atomkraft
war von Anfang an von ethischen Argumenten bestimmt. Das
wichtigste lautete: Sind fehlbare Menschen, die
zerstreut, leichtsinnig, müde, betrunken, depressiv,
destruktiv, rachsüchtig, gewalttätig, todessüchtig sein
können, auf Dauer in der Lage, mit einer so gefährlichen
Energie so umzugehen, dass Katastrophen ausgeschlossen
sind? Damit war keineswegs gesagt, dass die Befürworter
der Atomenergie unmoralisch handelten, wohl aber, dass
sie sich einer Diskussion über ihr Menschenbild stellen
mussten. Und Menschenbilder haben immer auch eine
ethische Komponente.
Politik ist keineswegs immer
moralisch. Sie ist immer auch Kampf um Macht, und wo der
Wille zur Macht die Sorge um das Gemeinwohl verdrängt,
ist die ethische Debatte unvermeidbar. Dann ist die
Zivilgesellschaft gefragt, die Wissenschaft, die
Kirchen, die Medien. Denn Politik ist immer auch
moralisch ansprechbar.
Das ist der Markt nicht.
Das Grundgesetz des Marktes ist der Wettbewerb. Was dort
erlaubt ist oder nicht, regeln staatliche Gesetze. Und
meist sind diese Gesetze auch die ethischen Grenzen.
Nirgendwo sind Ethik und Recht so nahe beisammen wie im
Marktgeschehen. Was nicht gesetzlich verboten ist, ist –
auch ethisch – erlaubt. Der Stärkere, Geschicktere hat
Erfolg. Der allzu Gewissenhafte riskiert den Misserfolg.
Der Markt selbst ist moralisch nicht ansprechbar. Daher
ist für Marktradikale Gerechtigkeit, was der Markt
entscheidet. Entscheidet er, dass ein Mitglied im
Vorstand eines Konzerns das 300-fache eines
Facharbeiters verdient, so ist auch dies gerecht. Jeder
Erfolg beruht für Marktradikale auf Leistung, also hat
das Vorstandsmitglied 300-mal mehr geleistet.
Weil Politik immer moralisch ansprechbar ist, muss sie
sagen, ob sie diese Meinung teilt, oder ob sie andere
Vorstellungen von Gerechtigkeit hat und wie sie diese
Vorstellungen durchsetzen will.
Dies bedeutet
auch, dass der Primat der Politik eine ethische
Komponente hat. Wo die Finanzmärkte und die
Ratingagenturen die Richtlinien der Politik bestimmen,
haben die Politiker oft zu exekutieren, was sie für
falsch, ja für ungerecht halten. Und die Wähler
bestrafen dann nicht die Finanzmärkte, sondern die
Politiker, die doch nur der Bestrafung durch die
Finanzmärkte ausweichen wollten.
Politische Ethik
hat keine Chance, wo sich der Primat der Ökonomie,
genauer der Finanzmärkte durchgesetzt hat. Insofern ist
der Primat der Politik eine ethische Forderung. Nicht,
weil die Politik moralisch sein müsste, wohl aber, weil
sie moralisch ansprechbar ist, weil sie sich der
ethischen Diskussion stellen muss. Sie muss sich immer
der Frage stellen, ob sie dem Gemeinwohl dient, damit
auch der Frage, ob sie der Ökonomie einen Rahmen setzen
kann, der die Marktteilnehmer anregt, im Interesse des
Gemeinwohls zu handeln. Wenn sie das ökologisch Gebotene
billiger, das ökologisch Schädliche teurer macht, nimmt
sie den Marktteilnehmern nicht ihre Freiheit, aber sie
macht das ökologisch Nötige auch zum ökonomisch
Vorteilhaften.
Spinnt man diesen Gedanken weiter
und kommt zu dem Ergebnis, dass der Primat der Politik
im (europäischen) Nationalstaat nicht zurückzugewinnen
ist, sondern allenfalls in einer reformierten
Europäischen Union, dann bekommt die europäische
Einigung einen ethischen Impuls. |
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